Der Begriff Kreativität ist schon seit längerer Zeit ein beliebtes Modewort und inzwischen fast schon zum Reizwort geworden. Wir sollen kreativ wohnen, schreiben, malen, reisen, uns kreativ bewerben, ebenso arbeiten – unsere Freizeit, die Partnerschaften, ja, unser ganzes Leben kreativ gestalten. Kurz: Wir sollen kreativ sein. Allerorts und nahezu überall gilt Kreativität als obligatorische Eigenschaft einer echten Persönlichkeit. Sobald Sie auch nur den Annoncenteil einer beliebigen Zeitung aufschlagen, werden Sie sehen, dass Kreativität einerseits als werbewirksames Schlagwort beschworen und andererseits auch als wichtige Qualifikation bei sehr vielen Stellenanzeigen vorausgesetzt wird.
Der Gebrauch des Begriffs erfolgt dabei meist wenig reflektiert – wenn beispielsweise von „kreativen Erholungsreisen“ oder von Kursen zur „kreativer Handarbeit“ die Rede ist, wird offensichtlich, dass Kreativität hier kaum mehr als nur eine leere Floskel ist. Der Begriff wird in äußerst verschiedenen und fast widersprüchlichen Bedeutungen verwendet, häufig ohne jede Rücksicht oder auch nur Kenntnis vom eigentlichen Begriffsinhalt. Was Kreativität nun überhaupt ausmacht, woher sie kommt und was sie bedeutet, wird nicht erkenntlich. Der Begriff selbst erscheint daher etwas verbraucht. Was bleibt, ist eine Zauberformel, mit welcher man kreatives Verhalten erhofft und beschwört, wohl kaum aber gezielt in Gang bringt, bzw. fördert.
Dennoch zählt Kreativität sicherlich zu den Eigenschaften souveräner Persönlichkeiten. Nur ist an dieser Stelle mit Kreativität etwas anderes gemeint als mit der sonstigen inflationären Verwendung des Wortes. Der aus dem Lateinischen hergeleitete Terminus ist zunächst die Übersetzung des etwas altmodischen Begriffs des Schöpferischen. Vor dem Hintergrund der insbesondere in Amerika betriebenen Intelligenz- und Kreativitätsforschung ist Kreativität inzwischen nicht mehr mit Schöpfungskraft gleichzusetzen. Klar ist, dass Kreativität etwas anderes meint als das fast schon religiös geprägte Schöpferische. Weiterhin steht auch fest, dass mit dem Begriff heute eine eigenständige Definition verbunden ist. Weniger klar ist dagegen, wie sich Kreativität nun jedoch ganz konkret erklären lässt. Die entsprechenden Erklärungen driften an diesem Punkt etwas auseinander. Als kleinsten gemeinsamen Nenner hat man sich auf die folgende Definition geeinigt: Kreativität ist die Fähigkeit, Neues zu produzieren und zu entdecken. Und hierzu zählt insbesondere auch die Fähigkeit, neue Gedanken zu produzieren. Eben dieser Aspekt scheint der springende Punkt hinsichtlich der Kreativität zu sein. Der Forschung stellte sich allerdings das Problem, dass Kreativität nicht mit Intelligenz gleichzusetzen ist und sich folglich auch nicht mit dem Intelligenzquotienten beschreiben lässt. Vielmehr gibt der IQ für sich genommen absolut keine Hinweise auf die Kreativität einer Person.
Das Geheimnis der Kreativität liegt daher vielmehr in der Art des Denkens. Viele Menschen, und insbesondere diejenigen mit einem hohen IQ, verfügen über die ausgeprägte Fähigkeit des konvergenten Denkens. Konvergentes Denken kann dabei als Oberbegriff für das zielgerichtete, in logischen aufeinander aufbauenden Schritten verlaufende und lineare Denken verstanden werden. Unsere gesamte Gesellschaft ist – angefangen bei der Erziehung, über Schule und Studium bis hin zum Beruf – darauf ausgerichtet, eben dieses konvergente Denken zu fördern. Gemeint ist bspw. die Art des Denkens, für das sich Bewertungen (z. B. in Form von Schulnoten) geben lassen. Ein gutes Abschneiden im Bereich des konvergenten Denkens ist eine wichtige Voraussetzung für den persönlichen Erfolg. Bei vielen, durchaus auch sehr anspruchsvollen Berufen, wird insbesondere das konvergente Denken gefordert. Dieses Denken macht es überhaupt nur möglich, dass bewährte Systeme funktionieren. Ein Fluglotse beispielsweise folgt immer einem strengen Schema und wird davon niemals abweichen. Für jedes Problem gibt es eine passende Lösung, die sehr schnell, absolut zuverlässig, selbst unter großem Druck, konsequent und extrem zielgerichtet angewendet werden muss. Ähnliches gilt etwa auch für Astronauten in der Raumfahrt. Hier wird bei Problemen nach dem Wahrscheinlichkeits- und Ausschlussverfahren gearbeitet: Es gibt ein Problem und eine wahrscheinliche Ursache. Kommt die wahrscheinlichste Ursache nicht infrage, folgt die zweitwahrscheinlichste usw. Auch hier sind größte analytische Fähigkeiten und unbedingte Übersicht gefragt. Doch auch bei den meisten anderen, weniger herausragenden Berufen ist vor allem das konvergente Denken entscheidend. Ein Fabrikarbeiter kennt seine Maschine sehr genau und wird daher sehr effizient arbeiten, wenn er die gegebenen Rahmenbedingungen jederzeit berücksichtigt und sich dabei an die gängigen Regeln hält. Ein weiteres gutes Beispiel ist das Militär: Hier gibt es ganz klare Abläufe, präzise Entscheidungen und Anordnungen – die Denkprozesse sind dabei keinesfalls trivial, dafür sind sie jedoch ganz auf Anpassungsmechanismen ausgerichtet. Niemand darf oder kann hier aus der Reihe tanzen, damit wäre das gesamte System gefährdet. Konvergentes Denken geht deshalb oft auch mit Anpassungsfähigkeit einher. Die Einordnung in eine bestehende Struktur ist bekanntermaßen oft notwendig, um bestimmte Ergebnisse überhaupt erzielen zu können. Wissen im Allgemeinen und Fachwissen im Besonderen fördern dabei die Fähigkeit zum konvergenten Denken. Auf Grundlage von Erfahrungswerten und verinnerlichten Schemata ergibt sich ein sachbezogenes und insgesamt intelligentes Handeln.
Die Alltagsrealität verlangt von uns hauptsächlich, dass wir uns an bekannte, vorkonfektionierte (Denk-)Muster halten, was zur Folge hat, dass die Fähigkeit zum divergenten Denken verkümmert. Das divergente Denken wird im normalen Leben nur wenig gefordert, zuweilen ist es auch gar nicht erwünscht. Doch liegt gerade im divergenten Denken die Wurzel der Kreativität. Im Gegensatz zum konvergenten Denken ist das divergente Denken dabei nicht mithilfe eines Quotienten messbar. Hier handelt es sich um die Fähigkeit des assoziativen oder auch lateralen Denkens – es ist das Denken, das in der Umgangssprache als unorthodox bezeichnet wird. Es ist nicht logisch-linear, sondern wird vielmehr von Spontaneität und einer Denkweise jenseits vorgegebener Konventionen bestimmt. –
Das Denken selbst wird häufig mit einer Flüssigkeit verglichen, die in verschiedene (jedoch vorbestimmte) Richtungen fließt. Für das divergente Denken eignet sich am ehesten das Bild einer Gießkanne, die das Wasser in viele Richtungen versprengt. Das divergente Denken umfasst zunächst zweierlei Aspekte: spontan und in kurzer Zeit viele Ideen hervorzubringen und dabei zugleich ungewöhnliche Einfälle zu haben. Der amerikanische Psychophysiker und Psychometriker J. G. Guilford war einer der ersten, der Untersuchungen auf dem Gebiet des divergenten Denkens durchführte. Guilford findet wesentliche Indizien für das Vorhandensein von Kreativität bei der Beantwortung der Frage: Neigt ein Proband dazu, sich in alten Fahrbahnen zu bewegen, oder zweigt er bereitwillig in neue Kanäle des Denkens ab?
Divergentes Denken führt zu Kreativität, wenn sich daraus eine große Assoziationsfähigkeit (bei gleichzeitiger geistiger Beweglichkeit) und eine Originalität im Denken ergeben; wenn sich durch das geistig verknüpfte Denken neue Antworten auf bekannte Fragen finden lassen und wenn diese Antworten zwar ausgefallen, jedoch weiterhin sinnvoll sind.
Das divergente Denken – und folglich Kreativität – zeigt sich nicht dadurch, dass ein Mensch allerlei bunte Einfälle hat. Einfallsreichtum alleine ist noch keine Kreativität, sondern eher auf dem Gebiet der Phantasie anzusiedeln. Eine kreative Persönlichkeit zeichnet sich also dadurch aus, dass sie sich von den vorgefertigten Bahnen des konvergenten Denkens trennen kann wie von einem ausgetretenen Pfad, um dadurch neuartige Möglichkeiten nutzbar zu machen. Kreativität durchbricht damit starre Normen und beinhaltet ein hohes Maß an geistiger Flexibilität. Damit sind es vorzugsweise kreative Individuen, die in unterschiedlichsten Situationen bereit sind, ein bewährtes Vorgehen zu hinterfragen und – wenn es die Umstände erfordern – auch zu verändern. Das divergente Denken entspricht also dem Denken, das einen Menschen in die Lage versetzt, ohne Vorbereitung und ohne Anwendung bestehender Muster eine Lösung zu einem neuartigen Problem zu konstruieren.
Die konstruktive und effektive Bewältigung aller Situationen, mit denen wir keine Erfahrungen haben und bei denen wir nicht auf konventionelle Schemata zurückgreifen können, erfordert divergentes Denken – also Kreativität. Unbestritten wären selbst die uns heute so simpel erscheinenden Erfindungen wie die Glühbirne, das Streichholz, der Reißverschluss oder die Schere nicht zustande gekommen, hätte es nicht kreative Geister mit originellen Einfällen gegeben. Kreativität ist also Bestandteil aller Bereiche des menschlichen Daseins, andernfalls würden wir heute noch in Höhlen hausen. Zusätzlich ist Kreativität auch im zwischenmenschlichen Bereich erforderlich, immer dann, wenn konventionelle Verhaltensweisen Probleme nicht mehr lösen können – oder ganz generell, wenn Verbesserungen oder Veränderungen des gesellschaftlichen Lebens gesucht werden.
Kreativität führt also zu neuen oder bislang unbekannten Lösungen, weil sich das Denken hier nicht durch Normen oder Konventionen einengen lässt. Divergentes Denken allein, dies sei ausdrücklich betont, macht noch keine Kreativität aus – es ist lediglich eine Voraussetzung dafür. Die Divergenz (das Auseinandergehen von Meinungen, die Gegensätzlichkeit) führt natürlich auch zu Problemen. Daher gelten kreative Menschen zuweilen auch als Querdenker, was bspw. bei einem Künstler (dem Paradebeispiel für angewandte Kreativität) noch als Extravaganz gebilligt wird, führt im Alltagsleben mitunter zu Schwierigkeiten. Nonkonformismus gilt eher als Makel denn als herausragende Eigenschaft. Und tatsächlich ist divergentes Denken nur wenig konstruktiv, wenn es sich kategorisch gegen alle bestehenden Normen wendet. Die Kreativität einer souveränen Persönlichkeit äußert sich daher auch in einer Sensibilität dafür, Einschränkungen, die auf verkrustete und starre Denkweisen beruhen, überhaupt aufzuspüren, zu empfinden und zu erkennen.
Daraufhin erst werden, wenn notwendig, neue Wege beschritten, die dann auch jenseits bekannter Pfade liegen können. Souveränität ergibt sich, wenn die Fähigkeit zum divergenten Denken als geistiges Potenzial nutzbar bleibt und wenn das individuelle Denken eine Synthese bildet, die divergentes und konvergentes Denken miteinander vereint. Erst diese Kombination bildet eine flexible Persönlichkeit, dessen Denken von keinen Schranken versperrt wird. Souveräne Individuen verstehen es, die ganze Spannbreite des geistigen Potenzials zu nutzen und können im Einzelfall entscheiden, ob das Bewährte oder das Originelle zu den jeweils besten Ergebnissen führt. Sie können ihr Denken in beide Richtungen lenken. Die Kreativität bildet eine zusätzliche Option, den Problemstellungen des Lebens entgegenzutreten, verhindert jedoch nicht, weiterhin auch konvergent und im Einklang mit bestehenden Konventionen zu denken und zu agieren.
Autor: Stéphane Etrillard
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